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Auszug aus einem INTERVIEW
zwischen Ulla Wobst und der Kunsthistorikerin Susanne Dauer am 12. Jan. 2008

 

Frau Wobst, es wäre interessant zu erfahren, wie ihre Bilder entstehen. Steht am Anfang immer eine konkrete Bildidee, haben Sie sozusagen das Bild schon fertig im Kopf, oder lassen Sie sich auch durch Zufälle leiten?

Das ist unterschiedlich. Manchmal habe ich eine konkrete Bildidee, zum Beispiel beim Bild MITWISSERIN. Dann mache ich eine grobe Skizze dazu und entwerfe anschließend die Details genauer. Diese werden dann vergrößert, verkleinert oder verschoben und fügen sich schließlich zu einer genaueren Gesamtbildskizze. Danach verbinde ich dies mit einem schon vorbereiteten Untergrund. Im Prozess dieser Arbeit kann die Skizze auch noch wieder verändert werden.

In anderen Fällen beginne ich ohne konkrete Bildidee, zum Beispiel mit einem Schüttbild wie bei Telepathie. Danach drehe und wende ich dieses Zufallsergebnis um 90 Grad und betrachte es auf der Staffelei. Plötzlich tauchen meist ein oder mehrere Bildideen auf. Man könnte meinen „zufällig“. In diesem Fall ist das Wort aber ungenau. Denn ähnlich wie beim Rorschachtest leiten mich Assoziationen zum Bildthema. Sie fließen aus verschiedenen Quellen zusammen, aus Erlebtem, Gesehenen, Gelesenem, aus Träumen ... Max Frisch definiert den Zufall in diesem Sinn in seinem Tagebuch I: 'Zufall ist das im Augenblick Fällige.'

Ein oberflächlicher Betrachter könnte meinen, Sie stellen Träume dar ...

Das wäre nicht richtig erfaßt. Ich stelle keine Traumwelten dar, sondern meine Wirklichkeit, die sich - wie gesagt - zusammensetzt aus Gesehenem, Erfahrenem, Gelesenem, Gedachtem, Geträumten …

Von vielen Ihrer Bilder existieren mehrere Varianten, oftmals auch mit einigen Jahren Abstand …

Hierfür gibt es unteschiedliche Motivationen. Es kann sein, dass ein Thema innerlich weiterarbeitet, so dass ich dann Varianten mit inhaltlichen Änderungen male, zum Beispiel bei MEMORPHISIS I und II oder REVOLTE GEGEN KONFORMISMUS und ROLLENTAUSCH. Dann werden Farben und Formen verändert, oder es wird etwas weggelassen oder hinzugefügt ...

Das Bild muss also für Sie stimmen, nicht in erster Linie für den Betrachter?

In dem Augenblick, wenn es für mich stimmt in Bezug auf alle Aspekte von Inhalt und Form, gilt das auch für den Betrachter. Das ist wie bei anspruchsvoller Literatur: Je dichter ein Werk die Vision seines Autors wiedergibt, desto genauer nähert es sich dem Allgemeingültigen. Anspruchsvolle Literatur und Kunst – hier im Gegensatz zu Unterhaltungsliteratur und dekorativer Kunst (die durchaus auch ihre Berechtigung haben) fragen immer nach dem Wesen des Menschen und wollen sich ihm so genau wie möglich annähern.

In Ihren Bildern wollen Sie sich also dem Wesen des Menschen nähern. Man erkennt meiner Meinung nach in Ihren Werken ein „In Szene setzen“ sowohl von Handlung wie Gefühlen. Sind Ihre Bilder Bühne?

Das ist richtig beobachtet. Fast dreissig Jahre habe ich jedes Jahr in der Jahrgangsstufe 12 am Gymnasium ein oder zwei Bühnenstücke inszeniert, Klassiker des 20. Jahrhunderts und Shakespearestücke. Dabei habe ich das In-Szene-Setzen gründlich und mit großem Interesse gelernt.
Es ist verständlich, dass diese Arbeit auch meine Bilder prägt. Mimik, Gestik, Konstellation der Figuren und ihre Position im Raum spiegeln menschliche Urthemen: Leben, Liebe und Tod und die dazu gehörenden untergeordneten Themen. In diesem Sinne sind meine Bilder Bühne für das Menschenwesen.
Gern zitiere ich in diesem Zusammenhang Shakespeare. In WIE ES EUCH GEFÄLLT sagt Jaques: 'Die ganze Welt ist Bühne / und alle Frauen und Männer bloße Spieler / Sie treten auf und gehen wieder ab / sein Leben lang spielt einer manche Rollen ...'

Immer wieder kommt in Ihren Bildern eine Frauengestalt in gleicher Haltung vor, z.B. in AUF TRAUMFANG, VON ZIRKUS ZU ZIRKUS und SPURENSUCHE. Sie strebt vorwärts, die Arme zurückgeworfen, welche fast an Flügel erinnern. Können Sie dazu etwas Näheres sagen. Stellen Sie sich in dieser Figur eventuell selbst dar?

Generell ist zu sagen, dass alle Figuren in meinen Bildern, egal ob weiblich oder männlich, etwas von mir enthalten, aber auch von Personen, die ich kenne, sei es aus meinem Leben, aus Literatur oder Traum. Immer sind es zusammengesetzte Figuren, die etwas zeigen, das mir vertraut ist.
Die Frauengestalt, nach der Sie fragen, ist ein Mensch, der aufgebrochen ist, der auf dem Weg ist, das ist ihre Gegenwart. Gleichzeitig strebt sie in die Zukunft, ist aber auch rückwärts gewandt. In ihrem Netz fängt sie Erinnerungen und Träume ein. Im Bild VON ZIRKUS ZU ZIRKUS begleiten sie das Bärenstarke, Erdverhaftete, aber auch das Beschwingte, Zarte und Fröhliche. Mit diesem Tross zieht sie zum nächsten Zirkus.
Zudem scheint sie Flügel zu haben und kann abheben in einen ganz anderen Raum, der mit den bekannten zeiträumlichen Kategorien nicht mehr zu beschreiben ist.
Nun habe ich selbst eine Deutung versucht, aber eigentlich fordern meine Bilder den Betrachter auf, sein eigenes Drehbuch zu erfinden, sich zu fragen, ob er vielleicht an etwas erinnert wird, das ihn selbst betrifft. Er müßte Assoziationen zulassen können.
Meine Bilder wollen zur Interpretation anstoßen und lassen Raum für mehrere Deutungen.

Bei der Beschäftigung mit Ihrem Werk kommt man früher oder später auf das Thema Raum/Zeit, mir jedenfalls ging es so. Welche Rolle spielt das Element 'Zeit' in Ihren Bildern?

Eine große Rolle. Das Thema Zeit hat mich immer fasziniert. Schon in zwei Staatsarbeiten habe ich mich damit befasst. Sie hatten zum Thema 'Die Zeitauffassung in den Josephromanen von Thomas Mann' und in den Romanen 'Mrs. Dalloway' and 'To the Lighthouse' von Virginia Woolf.
Viele meiner Bilder haben das Vehältnis des Menschen zur Zeit zum Thema: ENDE DER WÜSTENZEIT zeigt den Umschlag einer Zeit der Dürre in eine Zeit der Fruchtbarkeit. MUTIGER AUFBRUCH stellt einen Menschen dar, dessen Augen den Weg spuren, zu dem er unbeirrbar aufbricht, obwohl er weiß, dass er sterblich ist. METAMORPHOSE und BEIM KLEINSTEN HAUCH zeigen den Prozess, wie sich etwas in etwas anderes verwandelt. Den Aspekt der Ewigkeit veranschaulicht das Bild DAS ENDE IST DER ANFANG. AUSFLUG IN DIE EWIGKEIT verdeutlicht den Wunsch des Menschen, Zeiten des Glücks sollten ewig dauern. Im Bild RAUB DES UNSTERBLICHKEITSKRAUTS muß Gilgamesch erkennen, dass er nicht unsterblich ist.
Alles in allem ist der Mensch für mich der Durchdringungspunkt von Zeit und Ewigkeit, und das veranschaulichen solche Bilder.

Kommen wir abschließend noch auf Zukünftiges zu sprechen. Was planen Sie als nächstes?

Vielleicht gibt es eine Serie KOSMISCHER RHYTHMUS, bei der ich Erlebnisse von zwei Reisen nach Sedona und Santa Fe einbringen möchte, so wie meine langjährige Beschäftigung mit ethnologischen Werken, in denen es um die faszinierend andersartige Lebenseinstellung der nordamerikanischen indianischen Schamanen und der Schamanen des Regenwaldes in Peru geht.



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